Tschüss Harry! Schade, dass du gehen musst

Liebe Leser,

die Kindheit und Jugendzeit ist prägend. Wir alle wachsen mit Ikonen auf, mit angesagten Büchern und Filmen, die uns begleiten, fesseln und uns in ihre eigene Welt locken.

1990 geboren gehöre ich zu der „Harry Potter Generation“. 1998 kam der erste Band in Deutschland auf dem Markt, ich glaube es vergingen 2 weitere Jahre, als ich das erste Mal nach einem Potter gegriffen habe. Wider allen Regelungen las ich natürlich nicht zuerst den „Stein der Weisen“, sondern begann gleich mit „Die Kammer des Schreckens“. Warum? Ganz einfach: Meine buchverrückte Tante war der festen Überzeugung, ich hätte bereits den ersten Teil gelesen (war ja hipp und pädagogisch wertvoll, musste man ja!). Dem war aber nicht so und somit habe ich eben mit Teil zwei angefangen. Meist auf einem Reiterhof in der Nacht fragte ich mich, was bitteschön „Häuser in einer Schule sind“. Ich habs durchgehalten, mir den ersten Teil besorgt nach dem zweiten und die Geschichte nochmals chronologisch verfolgt, war sofort gefangen.

Harry Potter hat mein Leben begleitet. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich zu den Harry Potter-Freaks gehört habe (später Herr der Ringe, aber das ist eine andere Geschichte) und wirklich alles verfolgt habe. Sticker, Puppen, Poster, Kino, Bücher – an Martini habe ich mich sogar in einen Umhang geschwungen und darauf gewartet, dass mein Besen losfliegt, achja und an meinem 11. Geburtstag war ich sicher, dass eine Eule mir einen Brief nach Hogwarts bringt.

Harry Potter und seine Geschichte war lange Zeit Teil meines Lebens und hat wirklich, wirklich viel bedeutet. So fußen meine ersten wirklichen Schreibanfänge auch in verschiedenen Harry Potter Fanfictions, ich habe damals ein eigenes Forum aufgebaut und mein eigenes letztes Buch zu Harry Potter geschrieben. In dieser Zeit habe ich das Schreiben lieben gelernt und auch viele, viele Menschen kennengelernt, die heute fest in meinem Leben stehen – ohne Harry Potter wäre ich nun also nicht hier, wo ich bin.

Und nun nimmt es ein Ende. Soeben gesehen, in 3D, natürlich, den 7,2. Teil der Harry Potter Saga/Ära … und ich bin … enttäuscht. Noch im sechsten Teil viermal heulend Dumbledores Sturz vom Astronomieturm gefolgt, saß ich nun da und habe mich wirklich gefragt: Bitte? Der Film an sich mag gut sein, vor allem für diejenigen, die nicht früher Potter-Mania verfallen waren und nicht jede Einzeilheit der Bücher kennen. Der Film mag ja auch viel Action haben und seinem Genre gerecht werden. Aber eben nur dem Genre. Nicht dem Buch und das finde ich als Germanistin, als Harry Potter-Kind und als leidenschaftliche Leserin sehr, sehr schade.

Es sind die Kleinigkeiten, die anders sind, die diesen Film Stück für Stück auseinanderreißen. Unstimmigkeiten in der Erzählweise, Unstimmigkeiten im Auftauchen der Personen. Settingfehler (warum zum Teufel wird Snape nicht in der heulenden Hütte umgebracht?), Sachen, die meiner Meinung nach nicht aufgrund einer filmischen Adaption hätten geändert werden müssen, aber eben anders sind. Und das ist schade. Das macht den Film zu einem gewissen Teil enttäuschend. Sehr enttäuschend, vor allem, weil es das Ende ist. Von dem man nichts führt.

Hebt die Hand, wer von euch hat nicht auf den letzten Harry Potter Seiten geheult? Wessen Seiten bei dem „Todestreffen mit Dumbledore“ sind nicht mit Tränen befleckt? Die Szene ist überlichtet, ansonsten vielleicht ziemlich gut dargestellt, aber dennoch: Bitte?

Ich wollte heulen, wollte Abschied nehmen von einer Begleitperson meiner Jugend, von einer literarischen Figur, die mir so viel bedeutet hat, wie manch anderem Sherlock Holmes, das Sams oder Pippi Langstrumpf. Aber jetzt? Ich konnte nicht weinen, konnte mich nicht von Harry Potter verabschieden und bin schwer enttäuscht. Schade.

Dabei stellt sich mir die Frage, wie es eine literarische Figur schaffen kann, solche Affekte bei einem Leser auszureizen. Sicherlich: Es gibt diese Harry Potter Kinder und beim nächsten Phänomen wird es wieder XY-Kinder geben. Aber dieser Begleiter, diese Figur, die nicht nur der Autorin nahesteht, sondern auch die als Leser … die kannst du nicht einfach loslassen, die will bei dir bleiben. Und nach einem solchen Film kann man sie erst recht nicht ad acta legen.

Schade, wirklich schade. Aber mich hat es zu einer neuen Erkenntnis gebracht: Wie du deine Charaktere gestaltest, kann vielleicht von noch mehr Wert sein, als du bisher wusstest. Was für einen Charakter hatte Harry? Warum ist diese Geschichte so erfolgreich? Ich bin sicher, dazu wird es Forschungsbeiträge geben, oder es gibt sie schon.

Liebe Grüße, Hilke-Gesa Bußmann

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Über Hilke Bußmann

Hilke-Gesa Bußmann, geboren am 26. Januar 1990 in Aurich, verbrachte ihre Kindheit in den Weiten Ostfrieslands zwischen Deichen und Windrädern. 2009 verließ sie Norddeutschland und zog nach Offenbach, um an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main das Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Pädagogik aufzunehmen. Die Liebe zur Literatur begleitet sie seit ihrer frühen Jugendzeit. Das Studium ist eine konsequente Umsetzung der Leidenschaft zu einer beruflichen Perspektive.
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4 Antworten zu Tschüss Harry! Schade, dass du gehen musst

  1. Constantine schreibt:

    Der Film an sich war gut. Was du aber ansprichst ist natürlich auch da, nur muss man eines bedenken:
    Ein Film ist a) nie so gut wie das Buch b) wesentlich schlanker gehalten als das Buch und c) in 99% eine Enttäuschung, wenn man sich auf das Buch beruft. Bestes Beispiel dafür: Jurassic Park. Klar, jeder sagt „Boah geile Dinos etc.“ Liest man das Buch, schaut sich dann den Film an, dann sagt man „Hmm die Dinos sind toll, aber sonst? Da fehlt ja 2/3 vom Buch.“
    Mit welcher Erwartung bin ich in den Film gegangen bzw. wie? So blöd es klingen mag: Ich wollte mich einfach verabschieden. Bei mir war es genauso wie bei dir. Unendlich viele Erinnerungen hängen mit Harry zusammen. War es in der Schule langweilig, dachte man daran, wie es wohl weitergehen würde. Wurde es Herbst/ Halloween hatte man ein innerliches „Hogwartsfest“. Bilder wurden gezeichnet, „Eulenpost“ verschickt, der Mathelehrer als Snape deklariert und und und….

    Die letzte Schlacht!

    Was bekommt man für sein Film geboten?
    -minimale 3D-Effekte
    -eine Menge Action
    -einige kleinere Fehler ( die muss man aber mit einkalkulieren!!!)
    -ein nicht abgefeiertes Ende (da war ich verdammt enttäuscht)
    -Die Möglichkeit nochmal Adieu zu sagen, still und heimlich

    Und irgendwann, tja da kommt der Abspann, da ist die Kindheit/ Jugend vorbei. Das überkommt einen. Man mag 18 oder 21 oder älter sein, aber in dem Moment, in dem dann das Licht angeht, jeder aufsteht und geht, da merkt man was: Zeit bleibt nicht stehen, Zeit rinnt durch die Finger….hat man eben noch ein Sticker von Hagrid eingeklebt, nimmt man jetzt die EC-Karte und schiebt sie in einen Automaten. War man Harry eben noch auf einen Sprung im tropfenden Kessel, stellt sich heute die Frage wer fährt.
    Harry Potter ist erzählt, man selbst muss jetzt fragen was noch kommt. Ich denke die Harry-Potter-Freaks (wie Hilke und ich) wir werden noch öfters nachts durch die Gänge von Hogwarts wandern, vielleicht trifft man ja mal einen Hausgeist? Vielleicht sieht man sich an der peitschenden Weide.
    Da stehen die sieben Bände…die „Horcruxe“ der Vergangenheit, die einen gepackt haben und man weiß bis heute nicht warum und das ist die Magie an Harry Potter, man taucht in die Geschichte ein, man reist in die Vergangenheit….in seine Welt.

    Adieu Harry Potter

    Constantine

    • Hilke Bußmann schreibt:

      Lieber Constantine,
      ich gebe dir Recht: Es hat sicherlich mit der Erwartungshaltung zu tun. Allerdings war mir bewusst, dass der Film nicht annähernd an das Buch heranreichen kann, dies wird der filmischen Adaption nie gelingen und muss es auch nicht, weil durch die Erhebung in den Film entsteht eigentlich eine neue Geschichte … Aber das wird jetzt hier zu theoretisch ;-).

      Die Verwandlung von Buch zu Film ist wahrlich nicht einfach. Ein Beispiel: Die erzählerische Ebenenverschiebung von Harry zu Voldemort fand ich im Film gut umgesetzt! Sie reichte nie zu weit, nie zu nah, nie zu tief. Das hat mich begeistert. Auf der anderen Seite sind es Kleinigkeiten, die den Film dann zu einem „Catchup“ machen. Warum müssen Abertausende Todesser vor dieser Kuppel stehen. Hat sich da einer mit Copy&Paste vertan? Warum muss die ganze Sache um die Heiligtümer des Todes so sekundär behandelt werden? Warum sterben Fred&Remus&Tonks so nebenbei?
      Wir haben den letzten Teil alle mit Spannung entgegengefiebert und einige waren mit Sicherheit schon beim Buchende nicht zufrieden. Aber so ist es nunmal. Und mein Hauptkritikpunkt, da schließe ich mich dir an: Harry, auch wenn wir uns filmisch nicht wirklich von dir verabschieden konnten, wir werden uns noch so manche Male begegnen, diesen Sommer beispielsweise, denn ich habe mir vorgenommen ein weiteres Mal in den Tiefen der Zauberwelt zu versinken!

  2. SalvoSchreibt schreibt:

    Da hast du recht. Filmische Umsetzungen werden nie an die literarischen Vorlagen herankommen. Dafür sind die Medien Film und Buch viel zu unterschiedlich. Was du an Story in ein Buch packen kannst, kannst du niemals im Film wiedergeben. Aber genauso kann man das Visuelle eines Filmes nie in ein Buch verpacken, da nützen die mächtigsten Beschreibungen nichts.
    Das Problem bei Romanverfilmungen ist, dass für den Zuschauer, der das Buch kennt, eine Desillusionierung stattfindet. Die Figuren, die sonst nur im Köpfen existiert haben, tanzen plötzlich auf der Leinwand herum, und das meist in einem komplett anderen Gewand.
    Ich vermeide es auch nach Möglichkeit solche Filme anzuschauen, bei denen ich vorher das Buch gelesen habe. Bestes Beispiel, der gerade erschienene Film Naokos Lächeln, welcher auf Haruki Murakamis gleichnamigen Roman basiert, eines meiner Lieblingsbücher.

    Deine Erkenntnis von der Wichtigkeit von Charakteren unterschreib ich mal blind. Du kannst einen noch so spannenden Plot haben, sobald die Figuren unlogisch agieren und charakterlich einem Pappaufsteller gleichkommen, kannst du so viel schreiben, wie du willst. Es wird niemanden wirklich packen.
    Dazu fällt mir spontan Patrick Salmen ein, der in seinen Kurzgeschichten (meist nur 3-4 Seiten lang) so glaubwürdige Charaktere erschafft, dass man sich sofort in sie hineinversetzen kann. manche Autoren schaffen dies nichtmal in einem ganzen 300 Seiten Roman.

    • Hilke Bußmann schreibt:

      Wie recht du hast, wie recht du hast. Vielleicht sollte man in Sachen Film/Buchübertragung mehr kommunizieren, dass es sich dabei nicht um einen Ersatz, sondern um eine Erweiterung, um eine eigentlich neue Geschichte handelt. Aber gerade bei so populären Storys ist es natürlich von Schwierigkeit.

      In den nächsten Tagen werde ich an einigen Geschichten arbeiten, einige davon auch hier online stellen. In diesem möchte ich versuchen, Charaktere besonders nah zu erstellen.

      Liebe Grüße

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