Zugische Inspirationreise mit Uwe Tellkamp

Sie rattert laut vor sich hin, lauter als sonst, weil die Fenster geöffnet sind. Ein ziehendes Quietschen bei jedem Bremsen, Geknacke, das mich immer wieder unruhig werden lässt in diesem dunklen Schacht, der einem endlosen Tunnel gleicht, in dem ich mich gerne mal verirren würde, nur um zu sehen, wie es ist. Dunkelheit, Stille, Schienen und die Hoffnung, es zu schaffen – das wäre sicherlich ein spannendes Abenteuer. Und schon wieder ist eine Idee geboren, eine, die mit meiner Inspirationsquelle Nummer 1, dem Bahnfahren, zusammenhängt, aber diesmal eher auf Ebene der Story.

Manchmal fragen mich Leser, manchmal frage ich es mich auch selbst, woher bekommst du deine Ideen? Ich weiß selten darauf zu antworten, denn das Gefühl der Ideenfindung ist unbeschreiblich und – glaube ich – bei jedem Autor anders.

Ideen fliegen dir zu, als fertig formulierte Sätze mit einem Grundkonstrukt, mehr oder weniger schwache Konturen, als Bild, farblos oder farbenfroh, eine Szenerie, die sich wie ein Daumenkino langsam in Bewegung setzt. Oder ein Dialogabschnitt. Eine Stimme, die plötzlich in dein Ohr flüstert, ganz leise, ganz langsam und unbedeutend. Die schneller wieder verschwinden will, als sie gekommen ist, und du gezwungen bist, an ihr festzuhalten, deine innerlichen Klauen nach ihr auszuwerfen, um sie an dich zu reißen, nie wieder loszulassen. Dann sitzt sie auf deiner Schulter und du drückst sie immer wieder runter. „Komm sag mir, was siehst du!“, flüsterst du ihr jetzt und sie fängt an zu erzählen. Die Idee, ein kleines Männchen auf deiner Schulter, das dich begleitet, ein zweites Augenpaar, das dich die Welt (vielleicht) anders sehen lässt, das dich, wenn sein Radar ausschlägt und etwas Interessantes, Schreibbares, Mögliches oder Wunderbares entdeckt,  zwingt, deinen Blick auf diese Szene zu richten. Dann saugst du sie auf, mit deinen Augen. Versuchst deine flüchtigen Gedanken zu festigen. Dein Inneres zieht sich angenehm zusammen, berauschend, du spürst, dieses Bild musst du in deinem Kopf behalten, dieses Bild musst du dir merken, um es zu verwenden, als Szene, in einer deiner Storys, einer Kurzgeschichte oder wo auch immer.Weil es dich berührt, weil es dich bewegt, weil es sich wie ein analoges Foto in deinem Kopf einbrennt und du es in dein Ideen-Fotoalbum abspeichern willst, auf Seite 1 gleich, denn es ist so aktuell, so frisch, dass es fast alle anderen Ideen überdeckt. Doch gleichzeitig weißt du, nur wenn dir das Bild länger als die Bahnfahrt im Kopf bleibt, nur, wenn du zuhause noch die Farbenpracht der Situation siehst und das berauschende Gefühl wieder in deinen Körper fließt, wenn du die Szene in deinem Kopf malst, dann ist sie es wert verfolgt, verfeinert, geschrieben zu werden.

Vielleicht sind das die richtigen Worte, um den Moment der Idee zu beschreiben. Sie kommen dem nah, sind aber gleichzeitig sehr fern, denn es handelt sich dabei wirklich um eine Unbeschreiblichkeit. Bahnfahren ist für mich die Inspirationsquelle Nummer 1. Manchmal lese ich, während ich von Offenbach nach Frankfurt fahre, ganze 18 Minuten dauert das, manchmal sitze ich aber auch nur da, blicke mich im Abteil um und genieße das Rauschen und Quietschen. Claude Simon und Uwe Tellkamp, letzterer ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, thematisieren das Bahnfahren beide in ihren Werken. Bei Uwe Tellkamp symbolisiert die Bahnfahrt eine zeitliche Erinnerungsreise zurück in das Dresden vor der Wende. „Der Schlaf in den Uhren“, heißt der Text, in dem er mit überwältigender Sprachgenauigkeit einen Bewusstseinsstrom erzeugt, der den Leser auf den Sitz der Bahn zieht und mit ihm gemeinsam diese Reise machen lässt. Es sind Sätze ohne Punkt, Kommata, ja, die gibt es viele. Es ist eine Geschichte, die eine mit Verschränkungen arbeitet, mit Bewusstseinsströmen, Gedankenüberlagerung und das ohne Ankündigung, ohne Rücksicht darauf, den Leser vielleicht zu verlieren.

Uwe Tellkamp gewann mit „Der Schlaf in den Uhren“ 2004 den Ingeborg Bachmann Preis. Ich bin zufälligerweise heute Morgen wieder auf den Text gestoßen, als ich beschreiben wollte, wie meine Ideenquelle auf mich einwirkt, wie ich zu meinen Ideen komme. Aber vielleicht hört ihr euch Tellkamps Geschichte einmal selbst an und genießt mit ihm gemeinsam eine Fahrt in die Vergangenheit: Lesung „Der Schlaf in den Uhren“ von Uwe Tellkamp.

Ihr möchtet wissen, welche Idee mir gestern auf der Heimfahrt gekommen ist? Zwischen der Haltestelle Konstablerwache und Mühlberg? Werdet ihr, sicherlich, bald in einer Kurzgeschichte! Ich sag nur so viel: Es gibt interessante Koffer und es gibt noch interessantere Menschen, die damit reisen. Was in den Koffern drin ist – wahrlich, beinahe einen Krimi wert!

Ich wünsche euch einen schönen Wochenendstart und hoffe, euch hat dieser kleine Ausflug gefallen!

Liebe Grüße, Hilke-Gesa Bußmann

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Über Hilke Bußmann

Hilke-Gesa Bußmann, geboren am 26. Januar 1990 in Aurich, verbrachte ihre Kindheit in den Weiten Ostfrieslands zwischen Deichen und Windrädern. 2009 verließ sie Norddeutschland und zog nach Offenbach, um an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main das Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Pädagogik aufzunehmen. Die Liebe zur Literatur begleitet sie seit ihrer frühen Jugendzeit. Das Studium ist eine konsequente Umsetzung der Leidenschaft zu einer beruflichen Perspektive.
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2 Antworten zu Zugische Inspirationreise mit Uwe Tellkamp

  1. SalvoSchreibt schreibt:

    Als Neuleser deines Blogs und selber der schreibenden Zunft angehörig, bin ich mal gespannt, was du uns Leser für eine Kurzgeschichte vorlegen wirst.
    Du hast die Geburt einer Idee gut eingefangen. Man kann es rational eben nicht beschreiben, woher sie kommt. Der Moment, in dem es passiert, gleicht dem, wenn man sich plötzlich an etwas Vergessenes erinnert. Ein Augenzwinkern weiter und die Idee ist da.
    Ich habe meine Ideen auch oft auf Bahnreisen. Man kann dann wunderbar den eigenen Gedanken nachhängen, Musik hören, andere Menschen beobachten und das Leben an sich vorbeirauschen lassen. Der Blick verändert sich. Man nimmt die Dinge um sich herum anders wahr, intensiver als sonst. Man kehrt in sich und irgendwann macht es Plopp! und man hat einen Einfall.
    In dem Sinne, viel Spaß und Erfolg beim Umsetzen deiner Idee!

    • Hilke Bußmann schreibt:

      Lieber Salvo,
      oh ja, deine Worte sind sehr wahr und gut gewählt! Aber erstmal: Schön, dass du meinen Blog liest, ich freue mich über jeden Leser und Kommentar!
      Ich habe meine Idee, die ich in der Bahn hatte heute in der Bahn weitergesponnen (wie kann es auch anders sein) und euch wird demnächst hier eine Reihe von „Bahn-Kurzgeschichten“ begegnen. Ich habe einige Bahngeschichten, die nicht nur das Bahnfahren thematisieren, sondern auch in der Bahn spielen und möchte diese im Rahmen dieses Blogs zum Lesen zur Verfügung stellen! Ich hoffe, euch wird das Lesen dann Spaß machen! Die erste Bahngeschichte mit dem Titel „Flashback“ wird vielleicht schon heute oder morgen hier online gehen!

      Liebe Grüße, Hilke

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